INTERVIEW: Anna Heringer über Didi Textiles

Die Architektin Anna Heringer ist eine der Protagonistinnen meines Dokumentarfilm ‚Zwischen Welten‘, unter anderem, weil sie so faszinierende Projekte realisiert und damit beweist, dass jeder seinen Teil dazu beitragen kann die Welt ein klein wenig zu verbessern. Ihr aktuelles Projekt, das sie bei der Architektur Biennale in Venedig vorstellen durfte, beschäftigt sich allerdings nur bedingt mit Architektur. Vielmehr geht es – wie allgemein bei der diesjährigen Biennale mit dem Thema FREESPACE – um Freiräume und darum, wie wir sie durch sinnvolle und kreative Arbeit schaffen können. Anna Heringer versucht es mit Textilien aus Bangladesh, die ihr so niemals erwartet hättet. Saris, die nach dem Tragen zu Decken verarbeitet wurden, finden hier ihr letzte Bestimmung. Die daraus entstehenden Shirts, Taschen und Kissenbezüge.  kann man im Crowdfunding erwerben: www.diditextiles.com Zum Glück durften wir Anna Heringer ein paar Fragen stelllen, um mehr zu erfahren…

Wie kamst Du als Architektin auf die Idee nun mit Textilien zu arbeiten?
Man gestaltet nicht nur als Architekt*in oder Stadtplaner*in Räume, sondern jeder Mensch beeinflusst permanent Räume. Wenn wir genau hinsehen, gestalten wir hauptsächlich durch unser Kaufverhalten und Geldflüsse Orte, die oft so weit weg sind, dass man es gar nicht bemerkt. In meiner Installation sieht man, wie sich die klassische „made in Bangladesh“ Kleidung vor Ort in Bangladesh auswirkt. Der Hauptschwerpunkt liegt aber darauf, eine Alternative zu zeigen, die auf der unglaublich schönen bengalischen Textilkunst aufbaut und den Menschen das Leben in ihren Dörfern weiterhin ermöglicht. Wenn Menschen ihre schönen und nachhaltigen Dörfer verlassen müssen, weil Arbeitsplätze nicht dort, sondern in den Großstädten zu finden sind, dann hat das viel mit gebauten Raum und Siedlungsstrukturen zu tun. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich da mit meinem „Werkzeug Architektur“ an meine Grenzen stoße und das man das Problem an der Wurzel angehen muss: ein Produkt entwickeln, das völlig dezentral mit einfachsten Mitteln in den Dörfern hergestellt werden kann und unabhängig von Modesaisonen ist. Das ermöglicht das Free-Space-Potenzial in den Dörfern weiter zu nutzen anstatt in den Arbeitersiedlungen unter harten Bedingungen zu leben und zu arbeiten.
Außerdem liegen mir und meinem Team die Frauen in Bangladesh echt am Herzen. Die haben dort meistens den Beruf der Schneiderin. 

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Inwiefern besteht eine Verbindung zu dem diesjährigen Biennale Thema FREESPACE?
Eine Familie, die in den Dörfern in Bangladesh lebt, kann sich selbst ein Haus aus dem Lehm bauen, der überall frei verfügbar ist. die Kinder haben das ganze Dorf als Abendteuer-Spielplatz und gratis Kita. Die Großeltern finden ihren Platz unter einem Baum, um zu Ratschen und die Kuh zu hüten, die Frauen fühlen sich in ihrem sozialen Netzwerk aufgehoben und können sich frei bewegen. Der Hausgarten versorgt mit Gemüse, Ziegen und Hühner wuseln überall herum. Das ist für mich ein hoher Grad an Freiheit und Unabhängigkeit: Free – space. Mit der Biennale ist eine Crowdfunding Kampagne gekoppelt, in der man ab 26. Mai bei Frauen in meinem bengalischen Lieblingsdorf Rudrapur faire Mode bestellen kann. Entworfen von mir und meiner Schneidermeisterfreundin Veronika Lang. Der Free Space in Bangladesh kommt dann gratis dazu. 

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Warum hast Du das Projekt Didi Textiles ins Leben gerufen?
Ich habe mich irgendwie so machtlos gefühlt, konfrontiert mit der ganzen Ausbeutung in der Textilbranche. Und wenn ich zusehe, wie viele Leute aus den schönen Dörfern abwandern müssen. Und irgendwann habe ich gedacht, hey, ich habe eine Freundin, die Veronika Lang, die ist Schneidermeisterin und Textildesignerin, dann gibts noch die Entwicklungsorganisation DIPSHIKHA mit ihren Schneiderausbildungen und dazu die wunderschönen Decken aus den alten Saristoffen, in die ich mich schon vor 20 Jahren verliebt habe – also lass uns doch gemeinsam was draus machen. Klein aber einzigartig. Als kleiner Wadelbeißer oder Akkupunkturpunkt, der vielleicht ein bisschen Bewusstseinsänderung bewirkt.

Wem nützt es?
In erster Linie den Schneiderinnen mit ihren Familien, die sonst in wirklich schwierigen Bedingungen in den Textilproduktionszentren leben müssten. Aber ein Teil des Geldes geht auch in die Projekte der Entwicklungsorganisation DHIPSHIKHA, die damit nachhaltige Dorfentwicklung für eine ganze Region fördert.

Wenn du dir etwas wünschen dürftest: wie würde sich das Projekt entwickeln?
So groß, dass 30 Schneiderinnen in 2-4 Dörfern davon ihre Familien gut durch das Jahr bringen.

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Was liebst Du so an Bangladesh?
Die Weite, das Grün der Reisfelder, die Herzlichkeit der Menschen, die Langsamkeit der Zeit, meine Wasserbüffelmischmaschine… und natürlich den Lehm!

Wie lange arbeitest Du schon mit den Familien vor Ort zusammen?
Seit 21 Jahren.

Wie kann Didi Textiles ihr Leben verändern?
Arbeit statt Spenden. Das schafft neben besseren Lebensbedingungen auch Würde.

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Bilder: Stefano Mori / Studio Anna Heringer

Hier geht es zum Crowdfunding: www.diditextiles.com

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